Wir möchten Euch auf einen kleinen Spaziergang durch Sechtem einladen. Stellt Euch vor, es ist ein warmer Frühlingstag im April, wir holen Euch an der Pfarrkirche Sankt Gervasius und Protasius ab und machen uns auf einen Rundgang durch Sechtems Straßen um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und ein paar Hintergründe und Geschichten zu den Orten zu erfahren.

Bevor es los geht, geben wir noch ein paar einleitende geschichtliche Hintergründe. Zur Römerzeit kreuzten sich in Sechtem die Römerstraße von Trier nach Wesseling mit der Militärstraße zwischen Köln und Bonn. Hier wurde Wache gehalten und für die Durchreisenden Quartier bezogen. Daher errichteten die Römer nahe der Kreuzung ein Kastell, welches nach gallischer Maßeinheit sieben Leugen von der Provinzhauptstadt Köln entfernt lag. Eine Leuge gab die Entfernung an, welche ein Soldat in einer Stunde zurücklegen konnte. Dem Kastell verdankt Sechtem also seine Entstehung, sowie den Ursprung seines Namens. An der siebten Leuge “ad septimam leugam”. Aus Septimam wurde im Laufe der Jahrhunderte schließlich Sechtem.

Wir beginnen unseren Spaziergang an der Pfarrkirche.

Römisches Kastell, welches an der siebten Leuge „ad septimam leugam“ von Köln entfernt liegt.

Pfarrkirche

Die spätklassizistische Pfarrkirche aus rotem Backstein wie wir sie heute kennen, ist bekanntlich nicht die Erste. Sie wurde 1846 auf Teilen des Fundaments der alten Pfarrkirche erbaut. Ein verheerender Brand im Jahre 1784 beschädigte den alten Glockenturm samt Glocke so sehr, dass die baufällige Kirche 1833 geschlossen werden musste. In der Zeit bis zum Abriss versuchte man die Kirche notdürftig in Stand zu halten.

Die Gründung der Pfarre Sechtem fand allerdings deutlich früher statt. Bereits aus dem Jahre 1122 finden sich Berichte einer Pfarrkirche und der zur Grauen Burg gehöhrigen St. Nikolauskapelle. Als die burgeigene Kapelle mit wachsender Einwohnerzahl zu klein wurde, erbaute man eine größere Kirche auf den Fundamenten eines ehemaligen römischen Tempels neben der Kapelle.

Sechtemer Pfarrkirche im Juli 2009. Foto: Günter Edmeier.

Eine kleine Geschichte am Rande. Am 16. Juli 1855 schlug bei einem schweren Gewitter ein Blitz während der Messe in den Kirchturm ein. Einer der Dachbalken zersprang und der Blitz schlug durch den eisernen Träger der ewigen Lampe mit einem lauten Knall auf eine Mädchengruppe nieder. Dabei starb die 7-jährige Anna Margarethe Fellbach, ein zweites Mädchen wurde schwer verletzt und sieben weitere Mädchen fielen bewusstlos zu Boden.

Die St. Nikolauskapelle auf dem Nikolaushügel im November 2012. Foto: Günter Edmeier.

St. Nikolauskapelle
Gleich neben der Pfarrkirche steht die im 11. Jahrhundert durch den Grafen Adalbert von Saffenburg als Burgkapelle erbaute Kapelle, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist. 1122 verstarb der Graf und wurde in der Kapelle beigesetzt. Als die Nikolauskapelle im Jahr 1771 abgerissen wurde, entdeckte man die Gebeine des seligen Ailbertus, der bei einem Besuch auf der Grauen Burg verstarb. Gleichzeitig wurde an gleicher Stelle die Kapelle im Rokoko Stil neu errichtet.

1895 wurden die Gebeine des Ailbertus nach Kerkrade in die von ihm dort gegründete Kloster Rolduc überführt und dort zur letzten Ruhe gebettet. Lediglich vier kleine Leinensäckchen mit Gebeinen des Seligen blieben in Sechtem.

Im Jahre 1929 ging die Nikolauskapelle in den Besitz der Pfarrgemeinde St. Gervasius und Protasius über. Heute wird sie gelegentlich für Andachten und Trauungen, aber auch für Konzerte genutzt. Unmittelbar neben der Kapelle steht das Pfarrhaus der Gemeinde. Im Mittelalter stand an dieser Stelle eine weitere Ritterburg, die später zur Graue Burg verlegt wurde. Durch die Ailbertusstraße gelangen wir auf die Kaiserstraße und zur Weißen Burg.

Die Weiße Burg und der Ophof
Die Weiße Burg wurde im 11. Jahrhundert erbaut und wechselte über die Jahrhunderte immer wieder seinen Besitzer. Durch die Lage inmitten großer Wiesen und Weiden bekam sie den Namen Wisseburg, also Wiesenburg verliehen. Später wurde daraus schließlich Weiße Burg.

Späterer Besitzer der von einem Wassergraben umgebenen Anlage war der Erzbischof und Kurfürst von Trier Karl Kaspar von der Leyen. Dieser verkaufte die Burg an die Herrn von Meyerhofen. 1687 erbte Johann Peter von Krane die Burg, wodurch sie zeitweise auch Kranenburg hieß. 1848 wurde die baufällige Anlage wieder in Stand gestellt. 1906 erwarb der Rittergutsbesitzer Peter Bollig vom benachbarten Ophof die Burg. Heute ist sie im Besitz der Familie Zillikens.

Der benachbarte Ophof ist der älteste und der stattlichste Sechtemer Hof der heute noch bewirtschaftet wird. Bis zur Säkularisation in der französischen Zeit gehörte er dem Bonner Damenstifts Dietkirchen. Geführt wird der Hof heute von Josef Bollig-Commer und seiner Familie. Neben der Landwirtschaft konzentriert sich die Familie auf die Herstellung hochwertiger Rollrasen.

Die Weiße Burg im Juli 2012. Dieses Motiv ziert gerne die Sechtemer Postkarten. Foto: Günter Edmeier.
Die alte Bürgermeisterei als Teil des Ophofs. Foto: Günter Edmeier.
Dachdecker bei der Arbet an der Sechtemer Zehntscheune im Freilichtmuseum Kommern. Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR.

Zehntscheune
Am Ophof stand auch die bekannte Zehntscheune, welche 1734 als Lagerraum für jenen Zehnten erbaut wurde. 250 Jahre nach seiner Erbauung öffneten sich die großen Tore der Scheune wieder im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Hierher hatte man die Scheune gebracht, als sie ihr Rentenalter erreichte. Heute ist der gewaltige Zeitzeuge in Kommern für Jedermann zu besichtigen und freut sich ganz besonders über alte Bekannte aus Sechtem.

Über die Ophofstraße zurück auf die Kaiserstraße, einem Teilstück der alten Römerstraße lassen wir das Geschwister-Scholl Haus liegen und biegen auf die Lüddigstraße ab. Schließlich gelangen wir über die Willmuth zu unserer nächsten Station, der Wendelinuskapelle.

Wendelinuskapelle
Die Wendelinuskapelle ist zu einem echten Wahrzeichen Sechtems geworden. Sie schmückte nicht nur das Logo unserer 900 Jahr Feier 2013, sondern ist auch das Erste was Autofahrer sehen, wenn sie aus dem Vorgebirge oder Wesseling über die L190 nach Sechtem herein bzw. heraus fahren.

Die Wendelinuskapelle wurde 1680 erbaut und entwickelte sich zu einem viel besuchten Wallfahrtsort. Der Zweite Weltkrieg ging auch an der Kapelle nicht spurlos vorüber. 1947 wurden erste Kriegsbeschädigungen beseitigt. Bis zur vollständigen Sanierung 1986 musste mehrmals Hand angelegt werden. Am 8. Oktober 1987 wurde sie schließlich wieder geweiht. Seitdem pilgern am Sonntag nach dem 20. Oktober, dem Fest des heiligen Wendelinus Wallfahrer aus den umliegenden Ortschaften zur Wendelinuskapelle. Über die Bahnhofstraße gelangen wir zu unserer nächsten Station, dem alten Güterschuppen.

Die Wendelinuskapelle im April 2008. Foto: Günter Edmeier.
Der Güterschuppen von 1849 ist das älteste erhaltene Gebäude der Eisenbahn aus dieser Zeit. Foto: Matthias Weiler.

Alter Güterschuppen
Der Güterschuppen wurde 1849, kurz nach der Eröffnung der Bahnlinie zwischen Köln und Bonn erbaut und ist das älteste erhaltene Gebäude der Eisenbahn aus dieser Zeit. Bis in die 1960er Jahre wurde er als Güterschuppen genutzt, zuletzt diente er einer Landhandel-Firma als Lager.

2001 wurde der Güterschuppen vom Eisenbahn-Amateur-Club Bonn/Sechtem (EBAC) erworben und zwischen 2002 und 2009 umfangreich renoviert. Heute ist der denkmalgeschützte Güterschuppen das Clubheim des EBAC. Wer möchte kann gerne vorbei anschauen. Freitag abends lädt der EBAC zu sich ein. Über die Unterführung des Bahnhofs und dem Münstergarten gelangen wir auf die Graue-Burg-Straße und zu unserer letzten Station, der Grauen Burg, welche das Herrenhaus und den Gutshof umfasst.

Graue Burg, Herrenhaus und Gutshof
Die Graue Burg, abgeleitet von Grafenburg, ist einer der ältesten Sitze der Umgebung. Sie ist ein uralter Rittersitz aus dem 12. Jahrhundert. Hier wohnten die “von Sechtems”. Zu der von einem Wassergraben umgebenen Grafenburg gehörte stets ein Herrenhaus, das nach einem Brand um 1770 wieder errichtet werden musste.

Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb die Gemeinde Sechtem im Jahr 1961 das Herrenhaus mit Wald, Garten, Wege- und Wasserflächen von Frau Constance Geyr von Schweppenburg und führte eine grundlegende Gesamtrenovierung durch. Den Hof kaufte die Familie Sechtem die diesen zuvor pachtete. Heute ist das Herrenhaus der Grauen Burg wieder in Privatbesitz.

An dieser Stelle endet unser kleiner Spaziergang durch Sechtem.

Die Graue Burg in Sechtem. Foto: Günter Edmeier.

Viele weitere Geschichten aus und um Sechtem
Wir hoffen es hat Euch gefallen? Es sei erwähnt, dass Sechtem noch einiges mehr zu erzählen hat. Zahlreiche Geschichten finden sich in den Bänden der Sechtemer Dorfchronik.