Ein Spaziergang durch Sechtem
Wir nehmen euch mit auf einen kleinen Spaziergang durch Sechtem und zeigen prägnante Orte und Sehenswürdigkeiten, die wir durch kleine Geschichten und Anekdoten aufleben lassen. Treffpunkt ist die Pfarrkirche Sankt Gervasius und Protasius im Ortskern, an dem zur Römerzeit ein Kastell errichtet wurde. Damals kreuzte sich die Römerstraße von Trier nach Wesseling mit der Militärstraße zwischen Köln und Bonn. An dem strategisch relevanten Punkt kontrollierten römische Soldaten den Verkehr, Durchreisenden machten Rast oder bezogen in der näheren Umgebung ihr Quartier. Für eine bessere Abwicklung und den Schutz der Soldaten, errichteten die Römer nahe der Kreuzung ein Kastell, welches nach gallischer Maßeinheit sieben Leugen von der Provinzhauptstadt Köln entfernt lag. Eine Leuge gab die Entfernung an, welche ein Soldat in einer Stunde zurücklegen konnte. Dem Kastell verdankt Sechtem also seine Entstehung, sowie den Ursprung seines Namens. An der siebten Leuge “ad septimam leugam”. Aus Septimam wurde im Laufe der Jahrhunderte schließlich Sechtem.

Römisches Kastell, welches an der siebten Leuge „ad septimam leugam“ von Köln entfernt liegt.

Spätklassizistische Pfarrkirche
Die Pfarrkirche aus rotem Backstein wie wir sie heute kennen, ist nicht die Erste an dieser Stelle. Sie wurde 1846 auf Teilen des Fundaments der alten Pfarrkirche erbaut und wird dem Spätklassizismus zugeordnet. Ein verheerender Brand 1784 beschädigte den Glockenturm, sodass die baufällige Kirche 1833 geschlossen werden musste. In der Zeit bis zum Abriss wurde die Kirche nur notdürftig in Stand gehalten.

Die Gründung der Pfarrei fand deutlich früher statt. Die ersten Berichte einer Pfarrkirche und der angrenzenden St. Nikolauskapelle stammen von 1122. Als die burgeigene Kapelle mit wachsender Einwohnerzahl zu klein wurde, erbaute man eine größere Kirche auf den Fundamenten eines zerfallenen römischen Tempels neben der Kapelle.

Sechtemer Pfarrkirche im Juli 2009. Foto: Günter Edmeier

Schweres Unwetter mit Folge
Eine kleine Geschichte am Rande. Am 16. Juli 1855 schlug bei einem schweren Gewitter ein Blitz während der Messe in den Kirchturm ein. Einer der Dachbalken zersprang und der Blitz schlug durch den eisernen Träger der ewigen Lampe mit einem lauten Knall auf eine Kindergruppe nieder. Dabei starb die 7-jährige Anna Margarethe Fellbach, ein zweites Mädchen wurde schwer verletzt und sieben weitere Kinder fielen bewusstlos zu Boden.

Die St. Nikolauskapelle auf dem Nikolaushügel. Foto: Günter Edmeier

Burgkapelle St. Nikolauskapelle
Die St. Nikolauskapelle wurde im 11. Jahrhundert durch den Grafen Adalbert von Saffenburg als Burgkapelle erbaute und dem heiligen Nikolaus geweiht. 1122 verstarb der Graf und wurde in der Kapelle beigesetzt. 1771 entdeckte man beim Abriss der im die Jahre gekommenen Kapelle die Gebeine des seligen Ailbertus, der bei einem Besuch auf der Grauen Burg verstarb. Im gleichen Jahr begannen die Aufbauarbeiten der heute bekannten Kapelle, welche dem Stil des Rokoko zugeordnet wird.

Nach seiner Beisetzung im Rheinland wurden Ailbertus schließlich 1895 in die von ihm gegründete Kloster Rolduc in Kerkrade überführt und dort zur letzten Ruhe gebettet. Lediglich vier kleine Leinensäckchen mit Gebeinen blieben als Erinnerung in Sechtem.

1929 ging die Nikolauskapelle in Besitz der Katholischen Pfarrgemeinde St. Gervasius und Protasius. Heute wird sie gelegentlich für Andachten oder Trauungen genutzt. Gleich neben der Kapelle steht auch das Pfarrhaus der Gemeinde. Im Mittelalter stand an dieser Stelle eine Ritterburg, die später zur Graue Burg verlegt wurde. Durch die Ailbertusstraße gelangen wir auf die Kaiserstraße und zur Weißen Burg.

Von Wiesenburg zur Weiße Burg
Die Burganlage wurde im 11. Jahrhundert inmitten großer Wiesen und Weiden erbaut und erhielt so den Namen Wisseburg, also Wiesenburg. Über die Jahre und durch das Verschwinden der Wiesen wurde aus Wiesenburg die Weiße Burg.

Gleichzeitig wechselte die von einem Wassergraben umgebenen Anlage immer wieder den Besitzer. Der Erzbischof und Kurfürst von Trier Karl Kaspar von der Leyen verkaufte beispielsweise die Burg an die Herrn von Meyerhofen. 1687 erbte Johann Peter von Krane die Burg, wodurch sie zeitweise auch Kranenburg hieß. 1848 wurde die inzwischen baufällige Anlage grundlegend saniert. 1906 erwarb der Rittergutsbesitzer Peter Bollig vom benachbarten Ophof die Burg. Heute ist sie im Besitz der Familie Zillikens.

Die Weiße Burg im Postkartenmotiv. Foto: Günter Edmeier
Die alte Bürgermeisterei als Teil des Ophofs. Foto: Günter Edmeier

Der Ophof ist der älteste Hof im Ort, der heute sogar noch bewirtschaftet wird. Bis zur Säkularisation in der französischen Zeit gehörte er dem Bonner Damenstifts Dietkirchen. Heute bewirtschaftet die Familie Commer den Hof durch Getreideanbau und der Herstellung hochwertiger Rollrasen, welcher bereits als Kulisse für den Film „Das Wunder von Bern“ diente.

Zehntscheune heute im LVR-Freilichtmuseum Kommern
Die 1734 erbaute Zehntscheune, die als Lagerraum für jenen Zehnten des Ophofs genutzt wurde, fand 250 Jahre später eine neue Heimat im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Die pensionierte Scheune ist ein stolzes Stück Heimat, dass in Kommern als Zeitzeuge neben zahlreichen weiteren historischen Bauwerken zu besichtigen ist.

Wir spazieren zurück über die Ophofstraße auf die Kaiserstraße, einem Teilstück der alten Römerstraße und lassen die alte Schule, das Geschwister-Scholl Haus linker Hand liegen und biegen rechts auf die Lüddigstraße ab. Schließlich gelangen wir über die Willmuth zu unserer nächsten Station, der Wendelinuskapelle.

Dachdecker bei der Arbeit an der Sechtemer Zehntscheune im Freilichtmuseum Kommern. Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR
Wendelinuskapelle im Frühjahr. Foto: Günter Edmeier

Wendelinuskapelle – Sechtems Wahrzeichen
Die Wendelinuskapelle ist zum Wahrzeichen Sechtems aufgestiegen. Sie schmückte nicht nur das Logo der 900-Jahr Feier 2013, sondern ist quasi das Ortsschild des Umgehungsverkehrs zwischen Vorgebirge und Wesseling.

Die Wendelinuskapelle wurde 1680 erbaut und entwickelte sich zu einem viel besuchten Wallfahrtsort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden teils schwere Kriegsbeschädigungen 1947 beseitigt. Bis zur vollständigen Sanierung vergingen weitere Jahrzehnte bis sie im Oktober 1987 wieder geweiht werden konnte. Seitdem pilgern am Sonntag nach dem 20. Oktober, dem Fest des heiligen Wendelinus, Wallfahrer aus den umliegenden Ortschaften zur Kapelle. Über die Bahnhofstraße gelangen wir zur nächsten prägnanten Station, dem alten Güterschuppen am Sechtemer Bahnhof.

Alter Güterschuppen
Der Güterschuppen wurde 1849, kurz nach der Eröffnung der Bahnlinie zwischen Köln und Bonn erbaut und ist das älteste erhaltene Gebäude der Eisenbahn aus dieser Zeit. Bis in die 1960er Jahre wurde er als Güterschuppen genutzt und diente dann dem Landhandel als Lager.

2001 wurde er vom Eisenbahn-Amateur-Club Bonn/Sechtem (EBAC) erworben und zwischen 2002 und 2009 umfangreich saniert. Heute ist der denkmalgeschützte Güterschuppen das Clubheim des EBAC. Jeden Freitagabend lädt der EBAC Freunde und Interessierte zu sich. Dadurch kann der Schuppen öffentlich besucht werden. Über die Unterführung des Bahnhofs und dem Münstergarten gelangen wir auf die Graue-Burg-Straße und zu unserer letzten Station, die Graue Burg.

Der Güterschuppen von 1849 ist das älteste erhaltene Gebäude der Eisenbahn aus dieser Zeit. Foto: Matthias Weiler
Die Graue Burg in Sechtem. Foto: Günter Edmeier

Graue Burg, Herrenhaus und Gutshof
Die Graue Burg, abgeleitet von Grafenburg, ist ein uralter Rittersitz aus dem 12. Jahrhundert. Hier wohnten die “von Sechtems”. Zu der von einem Wassergraben umgebenen Grafenburg gehört das Herrenhaus, das nach einem Brand um 1770 wieder errichtet werden musste.

Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb die Gemeinde Sechtem 1961 das Herrenhaus mit Wald, Garten, Wege- und Wasserflächen von Frau Constance Geyr von Schweppenburg und führte eine grundlegende Sanierung durch. Der zugehörige Hof wurde durch die Familie Sechtem erworben. Heute ist das Herrenhaus der Grauen Burg wieder in Privatbesitz und wird zum Teil für Privathaushalte vermietet.

An dieser Stelle endet unser kleiner Spaziergang.

Viele weitere Geschichten aus und um Sechtem
Wir hoffen es hat Euch gefallen. Viele spannende Geschichten aus und um Sechtem findet ihr in den Bänden der Sechtemer Dorfchronik. Stöbern lohnt sich! Gleichzeitig blicken wir in unserer Serie „Et wor emol …“ in vergangen Tage zurück und werfen einen Blick ins Vorgebirge anno dazumal.